Gelebte Trauer – Schlüssel zur Lebensfreude

Allerheiligen steht vor der Tür. Jener Tag, an dem wir unserer Verstorbenen gedenken. Jene Zeit, in der die Erinnerungen an wichtige Menschen in unserem Leben wieder präsent werden.

In der psychotherapeutischen Arbeit stellt die Frage nach Verlusten eine ganz wesentliche dar. Bei den meisten Menschen, die psychotherapeutische Unterstützung suchen, gibt es ein oder mehrere Verlusterlebnisse. Meistens wirken diese Verluste emotional stark nach. Nicht selten steckt unter dem Deckmantel einer psychosomatischen Erkrankung oder einer Depression das Thema der unverarbeiteten Trauer. Nicht geweinte Tränen und verkapselter Schmerz breiten sich wie Leichengift in der eigenen Seele aus.

Da ist die Frau, die ihre Tochter durch einen tragischen Unfall vor vielen Jahren verloren hat. Nach wie vor kommen ihr die Tränen und sie kann kaum sprechen, wenn sie von ihr erzählt. Sie hat sich seitdem zurückgezogen und nimmt nicht mehr am Leben teil. Sie ist in ihrer Trauer stecken geblieben.

Eine andere Klientin hat sich als junges Mädchen zu einer Abtreibung drängen lassen. Jetzt – als 60-Jährige – macht sie sich immer noch Vorwürfe deshalb und ist in keinster Weise versöhnt mit sich selbst. Zahlreiche körperliche Beschwerden plagen sie seit vielen Jahrzehnten.

Ein Ehepaar, das sich nicht sicher ist ob es zusammenbleiben will oder die Trennung anstreben soll, berichtet von einem jahrelangen unerfüllten Kinderwunsch und zahlreichen erfolglosen Versuchen, über künstliche Befruchtung endlich das lang ersehnte Wunschkind bekommen zu können. Dass dies nicht gelang, hinterlässt eine Leere, die im Moment scheinbar nicht gefüllt werden kann.

All diese Menschen verbindet, dass sie die Trauer eher verdrängt als zugelassen haben und diese sich irgendwo im Organismus festgesetzt hat. Körperliche Beschwerden, seelische Verstimmungen und mangelnde Lebensfreude sind die Folge. Hier kann es ein wirklicher Schlüssel sein, dieser Trauer bewusst zu begegnen und sich von dem Menschen, der verstorben ist bzw. erst gar nicht ins Leben kam oder einer unerfüllten Sehnsucht gut zu verabschieden. Dann darf endlich Frieden einkehren in der eigenen Seele.

Was Verstorbene betrifft ist es ohnehin so, dass sie nie verloren für uns sind. Wenn wir die Trauer mit all ihren Phasen zulassen, dann bleiben diese Menschen auf positive Art Teil unseres Lebens und schließlich darf die Trauer weniger werden und die Freude wieder Einzug halten. Die Freude darüber, dass diese Menschen Teil unseres Lebens waren und nach wie vor sind. Dass sie uns als Helfer und Unterstützer immer zur Verfügung stehen und wir gedanklich und emotional mit ihnen verbunden bleiben.