Abschied und Tod – Tabuthemen unserer Gesellschaft

Eine der elementarsten Erfahrungen meines Lebens war der Tod meiner beiden Eltern. Mein Vater starb an einem Sekundentod, als ich 25 Jahre alt war. Ich hatte das Glück, mich noch von ihm verabschieden zu dürfen, ihn als tot be-greifen zu können.

Dieses Be-greifen war mir 27 Jahre später auch bei meiner Mutter geschenkt. Sie war 91, als sie sich endgültig von dieser Welt verabschiedete. Sie lag drei Tage lang im Sterben. Diese drei Tage verbrachte ich bei und mit ihr. In diesen drei Tagen spürte ich am eigenen Leib, was Ambivalenz bedeutet. Einerseits wünschte ich ihr so sehr, dass sie gehen durfte, andererseits löste diese Endgültigkeit einen tiefen Schmerz in mir aus. Schließlich – am dritten Tage gegen Mitternacht – machte sie in meinen Armen und den Armen einer liebevollen Pflegerin den letzten Atemzug. Die Pflegerin und ich wuschen meine Mutter und kleideten sie an.

Danach blieb ich die Nacht über bei ihr, bis sie am Morgen von den Bestattern abgeholt wurde. Diese Stunden – an ihrem Bett – und der tiefe Friede, der sich immer mehr in diesem Raum ausbreitete, haben mir die Angst vor dem Tod genommen. Er gehört zum Leben. So wie die Geburt auch. Und dass wir ihn in unserer Gesellschaft tabuisieren und an den Rand drängen, lässt uns vielleicht auch die Kostbarkeit für unser gelebtes Leben weniger bewusst spüren.

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